13.03.2021 PDF

Sind AfDler*innen gruppenbezogen menschenfeindlich? #50F50A

Naiv könnte man erstmal sagen: Ja. Die AfD kennt nicht nur Gruppen, denen sie gegenĂŒber skeptisch eingestellt ist, sondern sie hat Feinde. Dazu gehören mindestens FlĂŒchtlinge und Menschen mit muslimischem Glauben, die in Deutschland leben.

Nicht ganz so naiv sollte man sich fragen, woher das Etikett „gruppenbezogene Menschlichkeit“ eigentlich kommt, das mittlerweile von #unteilbar, von den GrĂŒnen, der SPD bis hin zu Merkel verwendet wird – und was es bringt.

GeprĂ€gt hat diese Bezeichnung der Soziologe Heitmeyer, der bekannt geworden ist durch Langzeit-Studien, die unter dem Titel „Deutsche ZustĂ€nde“ veröffentlicht wurden. Er hatte den Eindruck, dass Abwertungen von bestimmten Gruppen, die bei Rechtsradikalen eine zentrale Rolle spielen, bis in die Mitte der Gesellschaft hinein weit verbreitet sind. Diesem Eindruck hat er dann nach allen Regeln der empirischen Sozialforschung ein Fundament gegeben. Was jede halbwegs aufmerksame Zeitgenoss*in immer schon mitkriegen konnte, steht nun wissenschaftlich fest: Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Antiislamismus, Antiziganismus, Sexismus, Abwertung von Hartz IV-Bezieher*innen als Sozialschmarotzer usw. sind in der Bevölkerung verbreitet – bei Leuten, die in der Regel CDU bis Linkspartei wĂ€hlen.

Diese Formen der Abwertung sind also in der Demokratie zu Hause und gar kein spezifisch rechtsradikales Eigentum. Daher mĂŒsste man eigentlich fragen, wie Leute massenhaft auf diese Ideen kommen, ohne dass rechtsradikale Parteien dafĂŒr eine entscheidende Rolle spielen. Diejenigen, denen die die Bezeichnung „gruppenbezogene Menschlichkeit“ dagegen als eine sinnvolle Bezeichnung von rechten bzw. rechtsradikalen Gedanken vorkommt, interessiert dagegen vor allem das antidemokratische Potential dieser Gedanken.

Das ist auch bei Heitmeyer so. Bei ihm ist die „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ eigentlich gar nicht als PrĂ€dikat fĂŒr die AfD selbst gemeint gewesen. Die zusammengefassten abwertenden Urteile versteht er als „Einstellungspotenzial“ in der Bevölkerung, als die Möglichkeit dafĂŒr, dass weniger WĂ€hler*innen ihr Kreuz bei den herkömmlichen Parteien machen, stattdessen bei bei AfD, NPD, DVU oder Ă€hnlichen Parteien.1

„Menschenfeindlichkeit“ heißt dieser Sammelbegriff, weil Heitmeyer und alle anderen meinen, dass die Abwertungen zu dem Grundgesetzartikel 1 – „Die WĂŒrde des Menschen ist unantastbar.“ – im Widerspruch stĂŒnden. Wer Gruppen abwertet, der hĂ€tte nicht einfach bestimmte (falsche) politische Vorstellungen, warum er sie nicht mag, sondern der spreche Menschen die WĂŒrde ab. Deshalb seien sie dann „Menschenfeinde“.

Abwertungen und Diskriminierungen sind verbreitet wie Sand am Meer. Sie werden als Potential fĂŒr Rechtsradikale besprochen. Und an den Rechtsradikalen interessiert besonders, dass sie sich gegen das Grundgesetz richten. Mit dieser methodischen Verwandlung von existierenden Denkweisen in die Möglichkeit von etwas Anderen ist der Weg vorbereitet, die Denkweisen in der Bevölkerung selbst nicht erklĂ€ren und kritisieren zu wollen, sondern sie als Gefahr fĂŒr die Demokratie ausgrenzen zu wollen.

Es ist gewiss so, dass die Skepsis gegenĂŒber „Fremden“ weit verbreitet ist und die rechtsradikalen Parteien dieser Skepsis nur eine gewisse Wendung geben mĂŒssen, um die Leute auf sich zu ziehen. Aber die skeptische Haltung lernen die Menschen im demokratischen Alltag. Die Abwertungen von FlĂŒchtlingen, Sozialhilfebezieher*innen, Obdachlosen usw. gehören zur Demokratie dazu und sind nicht erst dann kritikabel, wenn daraus eine rechtsradikale Mobilisierung erwĂ€chst. Der Blick auf diese Abwertungen als Potential fĂŒr was Anderes (den von links bis hin zur CDU alle teilen) verstellt den Blick auf die nĂŒchterne Analyse, was der Kern des rechtsradikalen Standpunktes ist und welche Rolle dabei Vorstellungen spielen, die so normal sind, dass sie auch ganz ohne rechtsradikale Parteien zur NormalitĂ€t des demokratischen Alltags gehören.2

Um auf die Frage zurĂŒckzukommen: Sind AfDler gruppenbezogen menschenfeindlich? Nein. Die Feindschaft der AfD gegen bestimmte Gruppen ist mit dem Begriff „Menschenverachtung“ ganz schlecht getroffen. Dieser kĂŒndigt eine entpolitisierte, formalistische Kritik an der AfD an. Er greift die AfD nicht dort an, wo ihre GrĂŒnde fĂŒr die Ablehnung bestimmter Gruppen (Feministi*nnen, Homosexuelle, ‚Fremde‘) liegen, sondern auf einer völlig abstrakten Ebene: sie wĂŒrden einfach Menschen verachten.

Gleiches gilt fĂŒr die Bevölkerung, die noch nicht die AfD wĂ€hlt. Die verbreitete Ablehnung oder Skepsis gegenĂŒber bestimmten Gruppen ist bei ihr ein politisierter Reim auf die demokratischen ZustĂ€nde. Das muss erklĂ€rt und kritisiert werden.

 

Dieser Text ist der dritte in der Reihe 50 Fragen 50 Antworten - Über den Rechtsruck – und wie man ihn besser nicht kritisiert.

Wöchentlich veröffentlichen wir eine weitere Kurzanalyse ĂŒber rechtsradikale Standpunkte, schlecht gemachter Kritiken an der AfD und Stichwörtern in der Debatte ĂŒber den Rechtsruck.