25.03.2022 PDF

Deutschland im Kriegstaumel – eine Zwischenbemerkung

In der Kriegsberichterstattung werden dem heimischen Publikum gerne die zivilen Opfer vorgeführt, die der Gegner hervorruft. Das hat immer schon eine gemeine Implikation, so als wenn die Soldat*innen, die da drauf gehen, noch halbwegs in Ordnung wären. Davon abgesehen kann man der aktuellen Kriegsberichterstattung entnehmen, dass selbst der Beschuss militärisch-strategischer Ziele (Kasernen, Flughäfen, Funkinfratruktur usw.) immer zivile Opfer mitproduziert. Das gilt aktuell und das galt in allen Kriegen, so auch in Afghanistan, Irak, Syrien, Libyen, Jemen usw.
Es gibt Kriege, da geht es tatsächlich gezielt um die Vernichtung der gegnerischen Bevölkerung. Im Krieg Deutschlands gegen die Sowjetunion ab 1941 mit mindestens 20 Millionen Toten war dies der Fall. In den meisten Kriegen sind die zivilen Opfer Kollateralschäden. Die eine Seite behauptet dann, dass gar keine oder kaum zivile Opfer vorkämen, so präzise sei die eigene Kampfkunst (so die NATO-Staaten in ihren diversen Kriegen, so die Behauptung heute seitens Russlands). Die andere Seite übertreibt gerne in die andere Richtung und unterstellt dem Gegner das gezielte Abschlachten der Bevölkerung und beklagt dann einen Genozid. Beides ist Kriegspropaganda, aber die Tatsache bleibt: Im Krieg sterben nicht nur die Soldat*innen.
Dass umfassende Wirtschaftssanktionen in etwa dieselbe Wirkung auf den Gegner haben sollen, wie ein tatsächlicher Beschuss, das bekommt man aus der heimischen Berichterstattung auch noch mit: Dem gegnerischen Staat soll die Basis seiner Machtmittel (Produktion und Geldmacht) zwar nicht kaputt geschossen, aber kaputt sanktioniert werden. Dass darauf spekuliert wird, dass die einhergehende Verarmung der Bevölkerung diese kriegsmüde, evtl. sogar aufständisch machen sollte, wird einem nicht vorenthalten. Auch hier zeigt sich eine Gemeinsamkeit mit waffenmäßigen Kriegshandlungen.
Was allerdings nicht so klar ausgesprochen wird: Eine umfassende Sanktion produziert natürlich ebenso zivile Opfer - und das nicht zu knapp. Eine quasi flächendeckend in die Knie sanktionierte russische Wirtschaft bringt eine Verarmung der Bevölkerung mit sich, die sich gewaschen hat. Neben Einkommensverlusten und private Zahlungsunfähigkeit der Leute sei insbesondere an die zusammenbrechende medizinische Versorgung mangels Medikamenten und Medizintechnik gedacht, die einfach für mehr tote Leute sorgt, und da ist Corona vergleichsweise einfach ein Witz gegen. Wer da die Schultern zuckt, und sagt, dass „die Russen“ nichts besseres verdient hätten, wenn sie Putin die Stange halten, der hat den gleichen Leichen-in-Kauf-nehmenden-Übergang gemacht, wie jemand der über die totgeschossenen zivilen Opfer sagt, dass es keine unschuldigen Zivilisten im Krieg gibt, weil die ja dem feindlichen Staat die Daumen drücken.