10.04.2020 PDF

Corona und der kommende Aufschwung

Deutschland hĂ€lt sich einen Rat der Wirtschaftsweisen, der der Regierung beratend zur Seite steht. Der hat am 30.03.2020 ein Sondergutachten herausgegeben. Pflichtbewusst haben sich die Wirtschaftsweisen bemĂŒht, möglichst keine Differenzen untereinander aufkommen zu lassen. Der wissenschaftliche Meinungsstreit muss da mal ein wenig Pause machen, damit die nationale Gemeinschaft nicht verunsichert wird. FĂŒr die haben sie gleich noch eine frohe Botschaft:

Das erste Wirtschaftsquartal war recht gut, das zweite Quartal wird zwar ein deutliches Minus bringen , aber die Wirtschaft wird im Herbst 2020 voraussichtlich wieder durchstarten. Insgesamt wird das zwar noch kein Wirtschaftswachstum fĂŒr 2020 bringen, dafĂŒr sollte 2021 sogar mal eine 3%-Steigerung drin sein.

Dass die Gesamtwirtschaft nicht so sehr den Bach runter gehen muss, mag den Staat und die großen, liquiden Unternehmen beruhigen. Ob sich das fĂŒr all diejenigen auszahlt, denen a) die Unternehmen mit Lohnsenkungen die Rechnung prĂ€sentieren werden oder die b) nach der Kurzarbeit dann doch in der Arbeitslosigkeit hocken, oder c) deren SelbststĂ€ndigkeit sich schließlich doch nicht als so selbststĂ€ndig herausstellt, kann man dagegen stark bezweifeln.

Daran merkt man, dass „Das Wirtschaftswachstum“ eine recht brutale Abstraktion ist, die alle geldmĂ€ĂŸigen Resultate der Produktion und der Dienstleistungen zusammenaddiert. Wenn die Unternehmen nur milde von der Krise betroffen wĂ€ren, weil der Staat ihnen ÜberbrĂŒckungskredit gewĂ€hrte und sie hinterher den BeschĂ€ftigten abverlangen, diesen Kredit und vor allem eine zukĂŒnftige Gewinnbilanz mit vermehrter Arbeitsleistung und Lohneineinbußen wettzumachen, wird sich das schon in den Wirtschaftswachstumszahlen Ă€ußern.

Wenn das gut klappt, fallen auch nicht all die SelbstĂ€ndigen ins Gewicht, die sich mit MĂŒhe etwa ein CafĂ© als Geldverdienstmöglichkeit aufgebaut haben und nun aufgeben mĂŒssen. Im Wirtschaftswachstum tauchen die Verlierer der Konkurrenz eben nicht mehr auf.

 

Davon abgesehen, ist das beruhigende Hauptargument der Wirtschaftsweisen gelinde gesagt mutig:

„Sollten die aktuellen massiven EinschrĂ€nkungen in Wirtschaft und öffentlichem Leben nicht allzu lange anhalten, halten sie aber auch eine relativ schnelle Erholung der deutschen Wirtschaft fĂŒr wahrscheinlich. ‚Es ist nicht wie in einem Krieg, wo der Kapitalstock zerbombt wĂ€re und die Arbeiter an der Front sind‘, sagte der Wirtschaftsweise Volker Wieland.“

https://www.finanzen.net/nachricht/aktien/virus-sorgen-wirtschaftsweise-schwere-rezession-durch-corona-krise-unvermeidbar-8684131; eingesehen am 30.03.2020

Dieser Hinweis gilt fĂŒr jede ökonomische Krise in der kapitalistischen Wirtschaft. WĂ€hrend der großen Weltwirtschaftskrisen 1929 und 2008ff. gab es ja auch keinen Krieg (jedenfalls keinen, der in den HauptlĂ€ndern des globalen Kapitalismus selbst gefĂŒhrt wurde. Wohl aber von ihnen in anderen Weltteilen: Denn Kriege gehören zur kapitalistischen Weltordnung dazu - 1929, 2008 und auch 2020). Auch bei den ganz herkömmlichen Konjunkturkrisen gab es so gesehen keinen Krieg. Um Fabriken zu schließen und Leute zu entlassen, braucht es eben weder Bomben noch Viren. Es ist die VerrĂŒcktheit der kapitalistischen Krisen, dass sie eintreten, wenn die Maschinen im Laufe eines Wirtschaftsaufschwungs immer weiter verbessert wurden und zu Beginn der Krise ihrer QualitĂ€t nach jeweils auf dem höchsten Stand sind und massenweise in Fabriken rumstehen. In einer Krise wird die Produktion runter gefahren und zugleich ArbeitskrĂ€fte massenhaft entlassen, weil die Profitrechnungen haufenweise nicht aufgehen. Und nicht etwa, weil man stofflich bei der Herstellung nĂŒtzlicher Sachen Schwierigkeiten hĂ€tte.

In einer Krise werden dann keine Maschinen vernichtet, sehr wohl aber deren Kapitalwert. Einige Betriebe gehen darĂŒber Pleite und die GlĂ€ubiger können ihre Schuldforderungen an diese Betriebe abschreiben. Manche ProduktionsstĂ€tte wird daher auch tatsĂ€chlich dauerhaft stillgelegt, was die ProfitabilitĂ€t der direkten Konkurrenzunternehmen wieder befördert. Manche Pleite-Unternehmen werden aber von denjenigen Unternehmen, die die Krise vergleichsweise besser ĂŒberstehen, schlicht ĂŒbernommen. Eine billig erstandene Fabrik ohne die alten Schuldverpflichtungen ist dann ein guter Ausgangspunkt, um sie als Profitmaschine nach der Krise wieder zu benutzen. Das Geld fĂŒr diese Übernahme kommt freilich wieder als Leihkapital aus der Finanzwelt, so dass mit dem kommenden Aufschwung der ganze Zirkus von vorne losgehen kann: Eine Fabrik stellt Arbeiter*innen (wieder) ein, damit die Mischung aus möglichst kleinem Lohn und möglichst langer Arbeit den Gewinnanspruch der Fabrik-EigentĂŒmer*in und der Banken befriedigt.

Die Wirtschaftsweisen erlauben sich also in ihrer „frohen“ Botschaft den „Kapitalstock“ von seinem Gewinnzweck zu trennen und so zu tun, als ginge es nur um die NĂŒtzlichkeit, also den Gebrauchswert der Fabriken.

Ginge es um die planvolle Produktion von notwendigen nĂŒtzlichen GĂŒtern fĂŒr die BedĂŒrfnisbefriedigung der Leute, dann mĂŒsste sich tatsĂ€chlich niemand ĂŒber den Herbst 2020 Sorgen machen – bis eben auf die Gefahr, sich diesen blöden Virus einzufangen. Denn dann produziert man erstmal alles Notwendige fĂŒr ein angenehmes Leben, und könnte dann weiter schauen, ob man sich fĂŒr viele andere nette GĂŒter auch noch anstrengen will, oder ob man nicht lieber mehr Freizeit und entsprechend weniger Arbeit haben will. Die Fabriken wĂ€ren da und ArbeitskrĂ€fte gĂ€be es auch noch.

In dieser Gesellschaft aber gilt: Mal gucken, wohin die Geldvermehrungsrechnungen der Unternehmen fĂŒhren, wenn es wieder los geht und die neuen ÜberbrĂŒckungs-Kredite zusĂ€tzlich zu den schon lĂ€ngst gemachten abgearbeitet werden mĂŒssen. Das Abarbeiten im eigentliche Sinne des Wortes dĂŒrfen dabei natĂŒrlich die lieben LohnabhĂ€ngigen machen.

 Ein Text vom 10. April 2020