Skip to main content

Wie Deutschland sich von Auschwitz befreit

Am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Hier, in den anderen Vernichtungslagern und durch die massenhaften Erschießungen hatte Nazi-Deutschland versucht, alle Menschen, die als Juden sortiert wurden, umzubringen. Dies war ein gleichberechtigtes Kriegsziel neben der Eroberung anderer Länder und der Zerschlagung der Sowjetunion, zum Schluß sogar das Wesentliche.

Angekündigt hatte Hitler bereits 1939: "Wenn es dem internationalen Finanzjudentum ... gelingen sollte, die Völker Europas noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann würde das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa". (1) Dafür setzte der deutsche Staat alles in Bewegung, von A wie Arbeitsamt bis Z wie Zulassungsstelle. Solange deutsche Soldaten kämpften, ging der Mord an den Jüdinnen und Juden, den Roma und Sinti, und die brutalen, oft tödliche Über-Ausbeutung der "Fremdarbeiter" weiter. Zum einen waren alle Teile der Gesellschaft in das Kriegsprogramm der Nazis integriert, zum anderen haben Hitler & Co weder die Vernichtungslager, noch einen Vernichtungskrieg (Massenerschießungen, tödliche Deportationen und Zwangsarbeit) alleine machen können. Es war ein deutsches Projekt.

"Wir haben nichts davon gewußt!", hat es nach 1945 geheißen. Das ist eine doppelte Schutzbehauptung: Die ganz normalen Deutschen hätten durchaus wissen können und wußten oft auch, was da passierte. Vor allem aber wäre ohne ihr Mitmachen ein solches Vernichtungsprogramm gar nicht möglich gewesen. Das heißt nicht, daß alle Deutschen fanatische Antisemiten oder begeisterte Nationalsozialisten gewesen wären. Das ist augenscheinlich auch gar nicht nötig. Ein Haufen ordentlicher StaatsbürgerInnen, die für ihren Staat sind, egal was der macht plus eine große Anzahl von Antisemiten plus die entsprechende Führung sind ausreichend. "Die Verfassung der Massen [im NS - Anm. v.m.] besteht eher in der Indifferenz [Gleichgültigkeit - Anm. v.m.] von kalkulierenden Warenbesitzern, die weder der Todesmaschinerie in den Arm fallen, noch allzu sehr auffallen wollen" (Detlev Claussen: Grenzen der Aufklärung, S.23). Soweit die Fakten.

Es geht nie um Auschwitz, es geht immer um Deutschland
Das alles ist schrecklich, und wirft einige Fragen auf. Wie kamen die Nazis darauf, eine jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung gegen Deutschland zu halluzinieren? Wie kamen die Deutschen darauf, diese Partei an die Regierung zu wählen? Wie konnten all die netten Opis und Omis einfach mitmachen? Warum gab es in Deutschland keine Partisanen oder keine handfesten militärischen Widerstand wie anderswo, sondern nur ein Attentatsversuch von Offizieren, die den Krieg gewinnen und darum (und nur darum!) Hitler stürzen wollten ("20.Juli"). Warum wollten so wenige etwas gegen das Vernichtungsprogramm der Nazis tun, und warum haben noch weniger es getan (z.B. Sabotage wie die Edelweißpiraten, oder Spionage wie die Rote Kapelle). Aber das sind gar nicht die Fragen, die in Deutschland diskutiert werden. Statt Auschwitz zu erklären, wird es dem deutschen Nationalismus dienstbar gemacht.

"Das Gedenken an Auschwitz wird instrumentalisiert" hat auch Martin Walser in seiner Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erklärt, neben viel anderem dummen Zeug. Aber er meint das anders: Angeblich wird Auschwitz von Leuten, die den Deutschen ein schlechtes Gewissen einreden wollen, instrumentalisiert. Walser sagt das nicht mal eben so. Nachdem in den 80er Jahren Historiker bereits behauptet haben, die Nazis hätten bei Stalin abgekupfert, nach den antisemitischen Reaktionen auf die Thesen von Goldhagen, nach den schwarzbraunen Protestdemonstrationen gegen die Wehrmachtsausstellung, nach dem Einzug der faschistischen DVU in den Landtag von Sachsen-Anhalt und der Ausbreitung "national befreiter Zonen" in Ostdeutschland fällt Walser nur eins ein: Auschwitz wird instrumentalisiert. Stimmt. Von ihm und anderen.

Deutschland befreit sich von Auschwitz I: Ableugnen und Relativieren

Neben der ganz schlichten Methode, einfach zu behaupten, das alles sei eine Erfindung, gibt es viele Methoden, Deutschland reinzuwaschen. Beliebt sind da Methoden wie: "auch andere Völker haben Dreck am stecken", was der Kindergartenlogik folgt, daß wenn zwei etwas machen, es nur noch halb so schlimm sei. Jenseits dessen, daß die Vergleiche zumeist nicht hinhauen.

Wieder zu Ehren gekommen ist der Vergleich zum Staatssozialismus: Das "Schwarzbuch des Kommunismus" hat die Toten aus Bürgerkriegen, Hungersnöten und Erschießungen zusammengerechnet, ist auf 100 Millionen Tote gekommen, und findet den Kommunismus darum viermal schlimmer als den Nationalsozialismus. Und der Hinweis auf die zwei "Unrechtsregime" (gemeint sind das 'Dritte Reich' und die DDR) ist ein fester Bestandteil, um die ostdeutsche PDS in die Nähe der Nazis zu rücken. Immer wieder errechnet dann auch jemand, daß es "nur" vier oder drei oder zwei Millionen gewesen sind, die umgebracht wurden. Auch beliebt ist der Verweis darauf, wie schlecht Israel die Palästinenser behandelt und wenn die Opfer keine besseren Menschen sind, dann ist die Tat in den Augen mancher wohl auch nicht mehr so schlimm.

Deutschland befreit sich von Auschwitz II: Verdrängen durch Gedenken

In den letzten Jahren ist neben dem, Relativieren auch das Gedenken mehr in Mode gekommen. Mit dem Hinweis, man gedenke ja nun, weist man gleichzeitig alle Kritik von sich und verbittet sich jede Einmischung des Auslands und besonders der Juden. Schon gar nicht will man sich reinreden lassen, wie nun zu gedenken sei: Am Ende wird noch ein Stück besten Berliner Baugrunds nur für eine Gedenkstätte geopfert. Mit dem Hinweis auf das Gedenken, mit dem Stolz auf die Scham, die man empfindet weist man zugleich jede Konsequenz aus der Nazi-Zeit zurück: Während alle Anne Franks Tagebuch lesen, werden Menschen jeden Tag in Folter, Hunger und Bürgerkrieg abgeschoben. Während der Bundespräsident Yad Vashem besucht, wehrt sich das ostdeutsche Dorf Gollwitz gegen jüdische Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion. Und der Hinweis, man habe nun aber genug...., den kriegen auch Leute zu hören, die Entschädigung für Zwangsarbeit verlangen, oder Schadensersatz für Versicherungspolicen und Konten, die die Banken damals einkassiert haben.

Deutschland befreit sich von Auschwitz III: Auschwitz als Auftrag

Und das geht so: Gerade weil die Deutschen vom Faschismus befreit wurden und Auschwitz nicht selber beendet haben, können sie nicht zurückstecken, wenn es gilt, anderen Völkern zu helfen. Der 'Völkermord' an den europäischen Juden muß als Grund dafür herhalten, daß der Rechtsnachfolger des Deutschen Reichs seine von Wehrmachts-Generälen aufgebaute Bundeswehr in Bewegung setzt, um Wiederholungen zu verhindern. Brillant. Wer möchte sich schon nachsagen lassen, aus der deutschen Geschichte nichts gelernt zu haben? Die Grünen und die linken Sozis haben Deutschland 1968 ff. zivilisiert, denken sie. Das ist das einzige, woran diese ehemaligen Linken, die heute so gerne mit SPD, FDP und CDU kuscheln, vergangenheitsmäßig erinnert werden möchten. Weil andere Weltgegenden keine 68er gehabt haben, muß die so verwandelte BRD Frieden und Menschenrechte überall durchsetzen. So nützt die faschistische Vergangenheit ganz aktuellen Interesse und Zielsetzungen: gegen den Irren von Bagdad, den Wahnsinnige in Belgrad und so andere angebliche Wiedergänger Hitlers.

Gedenken als Nationalfeier

Die ganze Erinnerungskultur soll ein Kompliment für Deutschland sein. Genau für jenen Staat, der bis 1989 die Ergebnisse des II. Weltkriegs in Frage gestellt hat. Genau für jenen Staat, dessen Zentralbank die Gewinne aus dem Verkauf des Zahngolds der vergasten Juden in DM umgewechselt hat. Genau für jenen Staat, dessen Oberstes Gericht geurteilt hat: "(...) die Bundesrepublik ist also nicht 'Rechtsnachfolger' des Deutschen Reichs, sondern als Staat identisch mit dem Staat 'Deutsches Reich'". (2) Die BRD wollte immer beides sein: Deutschland und die einzig zulässige und erfolgreiche Lehre aus der deutschen Geschichte. Mit der antifaschistischen Erziehung, Abteilung West soll immer eins erreicht werden: Identifikation mit der BRD. Worauf dabei jeweils Wert gelegt wird, ist davon abhängig, was jeweils für das hervorstechendste Argument für die Bundesrepublik Deutschland gehalten wird. Wer vor allem ihr politisches System für das besondere Gütezeichen hält, betont die Differenzen zwischen Deutschem Reich und BRD, und kann im Vergleich von faschistischer und demokratischer Politik nur eins entdecken: Lauter Gegensätze!. Wer dagegen der BRD primär zu Gute hält, daß sie ein deutscher Nationalstaat ist, wird in Angriffen auf Institutionen, die es auch in der BRD gibt, den Angriff auf den deutschen Staat und dem ihm zustehenden Gehorsam seiner BürgerInnen vermuten. Bei all den Kontinuitäten von BRD und Deutschem Reich, kann an letzterem nicht alles schlecht gewesen sein. Und weit und breit vermögen die Vertreter dieses Ansatzes keinen Grund zu sehen, warum dem Deutschen Reich nun angekreidet werden sollte, was bei anderen Staaten angeblich oder wirklich Gang und Gäbe war und ist. Wer "die Deutschen" in erster Linie als "Schicksalsgemeinschaft" (Schäuble) betrachtet, statt sie in eine Gemeinschaft freiwilliger VertragspartnerInnen umzulügen, wird von ihren Angehörigen Unterordnung und Begeisterung ganz abstrahiert vom jeweiligen politischen System oder der jeweiligen Regierungsmannschaft erwarten. Natürlich ist Deutschland heute kein faschistischer Staat. Das ist augenscheinlich für viele Schweinereien auch gar nicht nötig. Weder sind Demokratie und Faschismus - und der Nationalsozialismus ist die radikale, deutsche Variante des Faschismus - das gleiche, noch heißt das, daß bürgerliche Demokratie deswegen harmlos wäre.

Die einzig richtige Lehre aus Auschwitz: Deutschland abschaffen und alle anderen Nationen auch.

"Der Mangel an Rücksicht aufs Subjekt macht es der Verwaltung leicht. Man versetzt Volksgruppen in andere Breiten, schickt Individuen mit dem Stempel Jude in die Gaskammer"(3) Solange es Herrschaft gibt, solange es Kapitalismus gibt, solange ist nicht nur Auschwitz weiterhin möglich, sondern finden auch andere Formen der Brutalität und des Terrors weiterhin statt. Solange es Staaten gibt, die um den Reichtum der Welt konkurrieren, solange wird es auch Leute geben, die alle - wirklichen oder eingebildeten - Feinde ihres Staates bekämpfen oder umbringen wollen. Solange Leute sich als Volk fühlen, werden sie immer mit Begeisterung gegen "Volksfeinde", gegen die, die nicht mitmachen wollen, zusammenrotten. Solange es einen Staat gibt, der über Leib und Leben seiner BürgerInnen verfügt - bis hin dazu, daß er sie zum Ausländer umbringen in den Krieg schicken kann - solange ist der Gewaltapparat da, mit dem Vernichtungslager und Abschiebeknäste eingerichtet werden. Solange Menschen nichts zählen, außer als Arbeitskraftbehälter und Menschenmaterial für Staatszwecke, solange sind die Voraussetzungen von Auschwitz da. Wer es ernst meint mit der Erinnerung, der darf nicht bei ihr stehen bleiben.

Fußnoten
1 Rede Hitlers vor dem Reichstag am 30.1.1939
2 Entscheidung des BVerfG vom 31.7.1973. Abgedruckt in: Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts. (BVerfG), Bd. 36, S. 16/17
3 Adorno/Horkheimer: Dialektik der Aufklärung. FaM: Fischer 1988, S.212.

Flugblatt von Junge Linke Bremen aus dem Jahre 1999

Posted in: