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Weihnachtsgrüße

„Für die kommenden Festtage wünschen wir Ihnen alles, was die Zeit 'zwischen den Jahren' so besonders schön macht: Viel Zeit, um es sich mit Ihren Liebsten richtig gut gehen zu lassen. Fröhliches Feiern und Schmausen. Viele erfüllte Wünsche. Viel Ruhe für all das, was das ganze Jahr über zu kurz gekommen ist. Zauberhafte Stunden im Kerzenschein - und einen rauschenden Start ins neue Jahr!“ (Weihnachtsgrüße vom GMX Magazin 2010)

Was wird da einem gewünscht? Lauter Glücksmacher! Nur – worin bestehen sie?

„Viel Zeit“ - die man sonst nie hat, weil man ziemlich eingespannt ist – Schule, Uni, Berufsausbildung, Job – und sich dabei in aller Regel selbst nicht aussucht, ob und unter welchen Bedingungen man so viel Zeit seines Lebens für diese Dinge aufbringen muss und daher will. Dass also „viel Zeit“ gewünscht wird, schließt ein, dass sonst kaum welche für eigene Interessen oder das Privatleben vorhanden ist, weil man anderwertig verplant wird.

Diese viele Zeit – immerhin eine gute Woche! - soll aber auch genutzt werden. Fragt sich nur wofür.

„Um es sich mit (den) Liebsten richtig gut gehen zu lassen.“ - was sonst wohl auch nicht so richtig klappt, wenn es nicht schlicht festgestellt, sondern gewünscht wird.

Zum einen soll man es „sich gut gehen lassen“, sich also ausnahmsweise „etwas gönnen“. Auch wenn das schon ein sehr dürftiger Anspruch ist, dass es einem lediglich einmal im Jahr gut gehen soll, gelingt das andererseits so gut dann auch wieder nicht. Die Passivform ist nicht zu verwirklichen: Für's Weihnachtsbaumkaufen, Gansvorbereiten und dergleichen müssen die Familien schon selbst Zeit und Geld aufwenden – wie auch für die Geschenke. Was in der Regel erst einmal in Weihnachtsstress ausartet – der Weihnachtsbaum und die Geschenke müssen noch schnell besorgt, die Wohnung für den Familienbesuch fein geputzt, der Braten zubereitet, die Kinder gewaschen und anständig gekleidet werden etc. (viel Zeit hat man dafür nicht, wenn es bis zum Tag davor Arbeiten heißt) – alles, um einmal im Jahr einen perfekten Abend mit den „Liebsten“ (worunter durchaus unliebsame Cousins/Schwiegermütter und -väter fallen – aber egal: sie gehören ja auch zur Familie und die sucht man sich bekanntlich nicht aus und ist überdies für sich schon ein Wert!) zu verbringen. Dass dieses Fest so viel Vorbereitung in Anspruch nimmt, zeugt von der Wichtigkeit, die erwachsene Menschen diesem Tag beilegen: An ihm sollen einmal die Werte Harmonie und Friede, Nächstenliebe und Geben, Trautheit und Familie voll zum Zuge kommen, um am Ende sagen zu können: „Es war schön!“ Einerseits weist dieser Idealismus auch wieder darauf hin, dass im sonstigen Jahr, also im Alltag von derartiger „Mitmenschlichkeit“ nicht viel zu sehen ist. So würde denn auch niemand auf die Idee kommen, Weihnachten unmittelbar am Arbeitsplatz oder Arbeitsamt zu verbringen (auch wenn sich manche Menschen Plastiktannenbäume wegen der „Vorfreude“ und „Stimmung“ in die Büros stellen – die arbeiten dann auch fröhlicher und gestalten zwar nicht ihren Arbeitsdienst, dafür aber dessen Bild für sich). Da geht es gewöhnlich anders zu: Unter den lieben Schülern, Studenten, Kollegen, und Firmeninhabern herrscht Konkurrenz, weil die guten Noten und „Leistungspunkte“, die besseren Positionen in der Berufshierarchie, die Arbeitsplätze generell oder aber die abzugreifende Kaufkraft knapp sind – um nur an ein paar nicht eben menschenfreundliche Verhältnisse zu erinnern (ebenso kann man an Kriege, Hunger, Rentenkürzungen, Lohnsenkungen, Sparpakete, Polizeigewalt und vieles mehr in der schönen Welt der globalen Marktwirtschaft denken). Jeder muss dabei den eigenen Vorteil – was den Nachteil anderer einschließt - suchen, denn nur über jenen ist überhaupt das eigene Interesse durchsetzbar: Wer z.b. angewiesen ist auf einen Job, freut sich, dass er selbst die Stelle bekommen hat und nicht ein anderer, dessen Interesse am Job dann aber gescheitert ist. Andererseits soll es aber gerade deshalb auch ein schönes Fest werden. Dieser Tag hat den Charakter von Entschädigung für sonst zu kurz gekommene Bedürfnisse nach Gemeinschaftlichkeit und familiären Umtrieben: Sonst unerfüllte Wünsche sollen hier mal zum Zuge kommen. Warum diese Wünsche im Alltag eigentlich immer unerfüllt bleiben müssen, ist mit der Vorfreude auf den heiligen1 Abend, der Glück und Trautheit herstellen soll, keine Frage mehr. Die Antwort liegt darin, dass der Großteil der Menschen nur dann etwas für's eigene Leben hat, wenn sie sich für fremde Interessen nützlich machen: Denjenigen von Unternehmen, welche wenig Lohn zahlen und viel Arbeitsleistung für sich abverlangen, damit möglichst hohe Gewinne erzielt werden und denjenigen des bürgerlichen Staates, der sich in seiner Bezahlung und Anspruchshaltung an Privatunternehmen orientiert, wobei ein Staatsdiener jedoch andere Dienste zu erfüllen hat als ein_e Arbeitnehmer_in. Die Bestimmung des Großteils der lohnabhängigen Bevölkerung besteht darin, eigentumsdienlichen Dienst zu leisten, also fremdes Geld und Eigentum zu vermehren. Deshalb darf ihr Lebensunterhalt/Lohn auch nicht allzu hohe Kosten bereiten, im Gegenteil: Relativ zu der abverlangten Leistung soll der möglichst gering ausfallen. Die Anforderungen an die Arbeitsplätze (Zeit, Intensität, Wissen) sowie die geringe Entlohnung verursachen notwendig Verschleiß der Physis und Psyche und ziehen Einschränkung der eigenen Wünsche nach sich, da der Lebensunterhalt für mehr als das Notwendige kaum reicht, zu hohen Teil auch gar nicht, so dass mensch zusätzlich zum Niedriglohn „Stütze“ beantragen muss. Dass sich viele Leute allerhand versagen müssen und ihre Bedürfnisse in Wünsche verwandeln müssen, liegt also daran, dass ihre Lebensinteressen überhaupt nur dann vorkommen, wenn sie sich als einkaufbares Mittel in der Gewinnkalkulation „der Wirtschaft“ benutzen lassen. Erfüllt werden können diese Wünsche dann erstmal auch nicht etwa dadurch, dass die arbeitenden Menschen zur Weihnachtszeit nur für sich statt für ihren Arbeitgeber produzieren und sich eben die Produkte aneignen, die sie hergestellt haben, sondern dass durch eigenen Verzicht anderen eine Freude gemacht wird. Schließlich müssen die Geschenke gekauft werden. Darüber, dass man anderen „etwas Gutes“ tun will, muss man sich selbst also schädigen, weil man dann ja weniger für's eigene Leben hat. Dementsprechend können Geschenke dann jedoch auch ausfallen, was zu gekränkten Ansprüchen beim Beschenkten führen kann. Das Geschenk ist nämlich mehr als nur die Erfüllung eines schnöden materiellen Bedürfnisses.

Wenn es nur darum ginge, bräuchte es nicht diesen quasi offiziellen Tag der Bescherung. Das gegenseitige Beschenken gehört dazu und ist eine kleine Pflicht, die man nicht schuldig bleiben sollte. Mit dem Geschenk ist auch nicht einfach nur ausgedrückt, dass die Interessen des anderen einem wichtig sind: Es soll die ganz generelle Wertschätzung der anderen Person demonstriert werden: „So wichtig bist du mir!“, was die Frage nach sich zieht: „Und wie wichtig bin ich dir?“ Worüber es auch mal zu einem Vergleich der Geschenke kommen kann – entsprechen die sich denn oder: „sind die Kinder von den Großeltern gleichmäßig gerecht bedacht worden?“ Der Austausch von Geschenken soll die Tugend der Liebe2 materiell beweisen. Weil die eigene Tugendhaftigkeit unter Beweis gestellt werden soll, soll das Geschenk auch „von Herzen“ kommen, weshalb Geldgeschenke meist nicht als die nützlichsten (Geld ist ja wohl das entscheidende Lebensmittel im Kapitalismus), sondern als unpersönliche oder kaltherzige angesehen werden. Am besten wird der Tugend entsprochen, wenn Kinder etwas Gebasteltes „von sich“ schenken oder Erwachsene zu „persönlichen Geschenken“ greifen, mit denen man eher wenig anfangen kann. Aber nicht nur der mehr oder weniger nützliche Inhalt, sondern auch die Verpackung ist wichtig: Die neuen Turnschuhe in Zeitungspapier eingewickelt, zeugt von wenig Feingefühl und Wertschätzung - der andere ist einem dann wohl nicht so wichtig gewesen, wenn die Schleife fehlt. Das Schenken hat also den Charakter der Demonstration von Geber-Tugend und Liebe. Da passt es dann auch nicht eigentlich, wenn dem Geschenk seine Herkunft aus dem Warenhaus angesehen wird und es vielleicht sogar vom Handelsunternehmen mit Logo verpackt wurde. Dass die Geschenke ökonomisch erst einmal Waren sind, macht nämlich ihren herzlichen Charakter kaputt, weshalb es auch die Kritik der „Kommerzialisierung“ des Weihnachtsfestes gibt. Die Firmen machen mehr Umsatz, indem sie die Schenkbedürfnisse der Bevölkerung gewinnträchtig auszunutzen oder werben mit weihnachtlichen Motiven, worüber das „Fest der Liebe“ dann zum Fest der Profite verunreinigt zu werden droht. - Mit Opposition gegen die Gewinnwirtschaft darf das allerdings nicht verwechselt werden, denn an Weihnachten soll dieser Materialismus ausnahmsweise nicht im Vordergrund stehen, sondern eben die hohen Werte: Liebe und Familie. Diese sollen „fröhlich gefeiert“ werden. - Es ist auch kein Wunder, dass ausgerechnet die höheren, wenig essbaren Güter gefeiert werden: Was sollte man auch den Arbeitsplatzverlust, die brüchige oder stressige Beziehung, die Wohnsorgen, den ungemütlichen Winter, das Sparpaket der Regierung etc. abfeiern?

A propòs Familie oder „die Liebsten“ - für die soll sich so richtig Zeit genommen werden. Diese ist auch nötig, da sonst eher wenig vorhanden und im Alltag mit viel Stress behaftet. Zu Weihnachten soll die Familie beisammen sein, zusammenhalten und gefeiert werden. Und das auch und gerade dann, wenn es Zwistigkeiten zwischen ihren Mitgliedern gibt. Anlass dafür gibt es genug: Den Stress, den die Leute im Erwerbsleben notwendig haben, tragen sie nach Hause und verlangen von ihrer Familie, dass sie für sie da zu sein hat, also für erlittenen Stress und Beschränkungen entschädigen soll – was nur gar nicht in der Macht der Familienmitglieder steht. Deshalb kracht es auch regelmäßig, wenn unzureichende Aufmerksamkeit, Anerkennung, Wertschätzung und Fürsorge beanstandet werden, die man sich gegenseitig abverlangt. Zum Weihnachtsfest werden dann jedoch nicht einfach alle Konflikte aus der Welt geschafft – was auch im Privaten nicht gehen würde, da viele Gründe für Privatstress3 in der Art der Produktion liegen – sondern gegen die Schwierigkeiten wird die Familie hochgehalten. Warum? Sie ist schon viel mehr als einfach nur Mutter Sabine, Vater Klaus, Tochter Frederike und Oma Helena, welche jeweils verschiedene Interessen haben und sich in unterschiedlichen Lebenslagen bbefinden. Die Familie soll eine unhintergehbare Bindung sein - „Hort des Herzens und der Liebe, der Verlässlichkeit und der Loyalität“4 - , in der man immer Halt zu finden hofft, die also für einen da ist und auch von einem selbst Verständnis und Hilfe einfordern kann. Die Familie „gehört zusammen“, zeichnet sich also durch ihre abstrakte Gemeinschaftlichkeit aus, welche sich nicht aus gemeinsam geteilten Zwecken ihrer Mitglieder ergibt, sondern daraus, dass sie als Reproduktionszusammenhang aufeinander verwiesen sind und sein sollen, also aus der Notwendigkeit füreinander mit den dürftigen Mitteln einstehen zu müssen.5

Diese Zusammengehörigkeit braucht es einerseits materiell für die eigene Reproduktion – innerhalb der Familie wird sich erholt, gegessen, geschlafen, für die Arbeit anständig gekleidet, andererseits ideell als die Sphäre des privaten Glücks, wo sich also umfassende Befriedigung erhofft wird, welche man sonst nie erfährt6. Dass dieser Familienzusammenhang einer der persönlichen Not ist, spricht nicht gegen ihn, sondern lässt an ihm umso stärker festhalten. Zu Weihnachten soll diese Zusammengehörigkeit noch einmal extra gefeiert werden oder eben das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit, auf die man sich da besinnt. Deshalb werden unliebsame Familienmitglieder bei Besuchen trotzdem nicht ausgespart, sondern ihnen wird der Besuch pflichtgemäß abgestattet.

Der Tipp: „Viel Ruhe für all das, was das ganze Jahr über zu kurz gekommen ist“ scheint zunächst eher ein Witz zu sein: Wie soll man all das, was man ein ganzes Jahr nicht hingekriegt hat, an zwei Feiertagen „nachholen“ - und das auch noch „in Ruhe“?! Das dürfte eher Stress werden, die kurze Zeit für die paar Freundschaften, Familienbesuche und einige Notwendigkeiten des Lebens zu nutzen. Die Ruhe soll man dabei trotzdem „weghaben“, schließlich sind die Feriatage als Abwesenheit von Lohnarbeit erstmal als freie Zeit, die man für sich hat, gedacht und staatlich eingeräumt. Schließlich liegt diesem an Erholung seines Volks und an Förderung von dessen Moral, mit der es durch das kommende Jahr dann umso gefüg- und genügsamer kommt, auch ein bisschen. Vor lauter Ruhe soll man es deshalb aber auch nicht mit dem Feiern übertreiben, am Ende hängt man auf Arbeit noch durch.

Anstatt sich von den paar Tagen Entschädigung zu erhoffen und dann doch wieder enttäuscht zu sein, sollte man sich eher um die „Stressmacher“ kümmern: also diejenigen Verhältnisse aus dem Weg räumen, die das eigene Leben ständig „zu kurz kommen lassen“.

1Auf die christliche Moral wird in diesem Text nicht weiter eingegangen.

2Tugend: Eine Tugend ist erstmal eine „sittlich wertvolle Eigenschaft“, d.h. man ist tugendhaft unterwegs, wenn man das eigene Tun und Lassen an der durchgesetzten Sittlichkeit ausrichtet. Dann geht man pünktlich zur Arbeit, ist fleißig in der Schule usw. Tugend der Liebe soll heißen, dass da – durchaus berechnend - zur Schau gestellt wird, dass man ein liebender Mensch ist, der von sich aus und aus Herzensgründen gibt und selbstlos ist.

3Es gibt auch genügend, die nicht direkt der Produktionsweise folgen, wie z.B. Eifersuchtsdramen, die eher aus Verletzung des Anspruchs auf die exklusive Verfügbarkeit und Bindung des liebendes Partners hervorgehen, der das gemeinsame Glück mit bspw. „Fremdgehen“ schädigen würde. Trotzdem bedeutet beispielsweise die aufgebrachte Zeit für den Lebenserwerb der Familie ein Weniger an Zeit für dieselbe. Statt für sie ganz da sein zu können, ist der arbeitende Mensch selbst gestresst und verlangt von ihr diesen auszugleichen und für dessen Entspannungsbedürfnisse oder Schlimmeres wie z.B. auch „selbst einmal das Sagen zu haben“ voll da zu sein. Auch sind Geldsorgen gemixt mit einem Haufen an Leistungsideologie Ausgangspunkt für das Vorhalten von unzureichender Arbeitsverausgabung für die Familie oder schlicht dafür, dass man sich viel Versagen muss, der Urlaub doch nur nach Balkonien geht und das schöne Zusammenleben gar nicht so sorgenfrei ist, wie vielleicht einmal vorgestellt.

5Diese gegenseitige Verwiesenheit aufeinander und Verpflichtung materiell füreinander aufzukommen kommt nicht von ungefähr, sondern über das staatliche Familienrecht, das diesen Reproduktionszusammenhang verrechtlicht und ihn damit darauf festlegt erstmal mit den eigenen (prekären) Mitteln auskommen zu müssen und für den Lebensunterhalt gemeinsam einzustehen.

6Umfassende Erfüllung oder umfassendes Glück, sodass kein Bedürfnis mehr offenbleibt, ist zwar an sich Quatsch, da immer bestimmte Bedürfnisse befriedigt werden und nicht alle, jedoch wird genau so etwas vom Privatleben und dann also von den Familienmitgliedern verlangt: Für mein Glück sollt ihr da sein – was ein heftiger Anspruch ist, den wirklich niemand erfüllen kann.

 

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