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Hauptsache gesund! Behinderung und Krankheit als Super-GAU des bürgerlichen Individuums

1. Wer sind eigentlich "die Behinderten"? - 2. Monster und Helden -- Behinderung in Kulturindustrie und Alltagsideologie - 3. Konkurrenz, Gleichheitsideal und noch mehr mögliche Gründe - 4. Raus aus der Konkurrenz - und wieder rein. Die Antwort der Behindertenbewegung 1. Wer sind eigentlich "die Behinderten"? - 2. Monster und Helden - Behinderung in Kulturindustrie und Alltagsideologie - 3. Konkurrenz, Gleichheitsideal und noch mehr mögliche Gründe - 4. Raus aus der Konkurrenz - und wieder rein. Die Antwort der Behindertenbewegung

Verschriftlichter Vortrag, gehalten auf dem jl Sommercamp 2008 Dieser Text als pdf [720kb] An diesem Text entzündete sich zudem im August 2008 eine Leser_innenbriefdebatte 1. Wer sind eigentlich "die Behinderten"? „Behinderung“ ist ein modernes Wort. Es fasst alle einzelnen Erscheinungen wie Blindheit, Gehörlosigkeit und Lähmung zusammen in einer Kategorie und vernebelt dabei deren Besonderheiten mit einem Hinweis darauf, dass da etwas an irgendetwas hindert. Wer oder was hindert und an was, das ist mit dem Wort erstmal nicht gesagt. Die Behindertenbewegung – soviel vorweg genommen – bezieht sich trotz der Umschärfe positiv auf den Begriff, denn er kann ja auch heißen: Umwelt und Gesellschaft behindern. Ausgedacht haben sich das Wort „Behinderung“ Rehabilitationsprofessionelle, und die hatten sicher etwas anderes im Sinn: Da ist eine körperliche oder geistige Abweichung von einer Norm, die einen daran hindert, etwas auszuüben, an etwas teilzunehmen, mitzumachen. Auch wenn es eine Menge Gemeinsamkeiten zwischen „den Behinderten“ gibt, vermessen ist diese Subsumierung unter ein Merkmal schon. Der Zusammenfassung eines Teils der Menschheit gemäß eines bestimmten Merkmals wie zum Beispiel Geschlecht, Ethnie oder Behinderung wohnt immer ein Stück Gewalt inne: Nicht die Zusammengefassten selbst sind es, die sich aus freien Stücken unter dieses Merkmal unterordnen, sondern es wird ihnen aufgeherrscht von einem gesellschaftlich durchgesetzten Verständnis, einem Interesse an der Durchsortierung von Menschen nach bestimmten Kategorien. Dabei ist die Sortierung allein nicht das Problem, - gewaltförmig wird sie erst durch die Prämisse, dass bestimmte Körpermerkmale oder Fähigkeiten etwas über einen Menschen aussagen. Der abweichende Körper wird zur Grundlage umfassender und ideologischer Bedeutungszuschreibungen gemacht, die weniger etwas mit der Realität, sondern vielmehr mit den Phantasmen und Mythen über diesen Körper zu tun haben. Eine Definition von Behinderung und chronischer Krankheit ist allein schon deshalb schwer, weil die Bedeutung einer körperlichen Anormalität sich immer nur bestimmen lässt in Bezug auf die jeweils in einer Kultur geltenden Standards. In Gesetztexten wird Behinderung beispielsweise als „vom Lebensalter typischen Zustand abweichend“ definiert, der länger als sechs Monate andauert.(1) Wenn man einen Behindertenausweis haben will, wird man eingeteilt in verschiedene Grade bzw. Prozente – wer 100 Prozent kriegt, hat’s geschafft. Der Grad der Behinderung war bis vor wenigen Jahren noch annähernd gleichbedeutend mit der „Minderung der Erwerbsfähigkeit“ – die Frage, wer als behindert gilt, wurde also beantwortet mit der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit. Eine halbwegs brauchbare Definition hat der Soziologe Saad Nagi geliefert, und die hat es dann auch tatsächlich in den Kanon der WHO geschafft: Demnach ist jemand behindert, wenn er oder sie dauerhaft unfähig oder nur eingeschränkt fähig ist, gesellschaftlich von ihm oder ihr erwartete Handlungen oder soziale Rollen auszuüben (2). Nagi legt also Wert auf das Zusammenspiel von körperlichen Einschränkungen und deren sozialer Bewertung: die eine körperliche Einschränkung wie zum Beispiel eine Sehschwäche, kann durch eine Brille problemlos aufgehoben werden und schränkt die Rollenausübung nicht ein. Eine starke Allergie beispielsweise, durch die man das Haus nicht verlassen kann, würde in einigen Zusammenhängen, wie in der US-amerikanischen Rechtssprechung, bereits als Behinderung gelten. Diese Definition schließt auch ein, dass z.B. eine Gesichtsentstellung, die funktional keine Einschränkung bedeuten muss, eine Behinderung sein kann: sie ist sozial so geächtet, dass den von ihr betroffenen Menschen kein “normales” Leben möglich ist. Behinderung wird also mitbestimmt von den Erwartungen, die eine Gesellschaft an ihre Mitglieder stellt, an die Mindestausstattung, die ihre Körper besitzen müssen, um als intakt und vollwertig anerkannt zu werden. Und das Urteil – „Mindestausstattung ungenügend“ hat Folgen. Das Leben der meisten behinderten Menschen ist geprägt von einer weitgehenden Aussonderung aus dem alltäglichen Leben. An Prozessen und Institutionen teilzunehmen, die für Nichtbehinderte selbstverständlich sind, geht für Behinderte oft nur mit vorgeschalteter „Integration“. Sowohl die Ausgrenzung aus dem Alltagsleben, als auch die damit einhergehenden schrägen Vorstellungen über das Leben behinderter Menschen zeugen von einer Ideologie, einem systematisch falschen Denken über Menschen mit abweichenden Körpern, ganz ähnlich dem Sexismus und Rassismus. Im Deutschen hat man sich dafür zurzeit lediglich auf das Wort „Behindertenfeindlichkeit“ geeinigt, was die Sache nicht ganz trifft. Viele Einstellungen gegenüber behinderten Menschen sind nicht feindlich, sondern eher eine ambivalente Mischung aus Abneigung und übersteigerter Freundlichkeit (deren Ursprung in den meisten Fällen wahrscheinlich eine Abwehr des Unbehagens gegenüber dem abweichenden Körper ist). Ableism nennen viele angloamerikanische Sprachraum dieses Phänomen, - das Wort leitet sich her aus dem Wort ability - Fähigkeit. Die Psychologin Simi Linton schreibt dazu: „Ableism beinhaltet die Idee, dass die Fähigkeiten einer Person oder seine Charaktereigenschaften von der Behinderung bestimmt werden oder das Menschen mit Behinderungen als Gruppe nichtbehinderten Menschen unterlegen sind“ (3). Im Folgenden einige Beispiele für immer wieder kulturell auftauchende Ausgestaltungsmuster dieser Ideologie. 2. Monster und Helden -- Behinderung in Kulturindustrie und Alltagsideologie Behinderte Menschen sind unsichtbar – das sagen nicht nur viele behinderte Menschen selbst, sondern auch jene, die sich als deren StellvertreterInnen sehen. Das stimmt auch irgendwie – denn Behinderung als kenntlich gemachtes Thema ist immer noch selten. Trotzdem ist diese Vorstellung schief – denn Behinderung ist eigentlich überall. Rumpelstilzchen, Quasimodo, Kaptain Ahab, die Hexe mit dem Buckel, der Alte Sack von Walter Moers’ Kleinen Arschloch, die ComicheldInnen von Futurama – die Welt ist voll von behinderten HeldInnen und AntiheldInnen. Der abweichende Körper ist so normal wie Geburt und Tod, wie Kindheit und Alter. Und an den körperabweichenden Charakteren lassen sich ja auch so schön Geschichten aufhängen – kaum ein Körper taugt so gut als Projektionsfläche für Ängste und Wünsche. Gerne wurden und werden sie benutzt als Symbol für etwas Drittes, wie zum Beispiel Teufelsbesessenheit. Es ist kein Zufall, dass das Wort „Monster“ sich aus dem lateinischen Wort „monstrare“ – zeigen, warnen herleitet: Menschen mit Behinderungen galten tatsächlich lange als Monster – der Mythos des Biests war gleichbedeutend mit der realen Anschauung des abweichenden Menschen. An der Schwelle zur beginnenden Aufklärung, als man alle schwer fassbaren Phänomene wenigstens durch Kategorisierungen unter Kontrolle zu bringen versuchte, gab es sogar eine „Wissenschaft der Monster“, die Teratologie (tera = griech. für „monster“). Behinderte als personifizierte mögliche Unmöglichkeit der Natur konnten wahlweise verachtet oder aber bewundert und bestaunt werden – so zum Beispiel als Hofnarren oder später die auf Jahrmärkten ausgestellten sogenannte “Launen der Natur” oder “Freaks”. In einer Mischung aus versuchter Wissenschaftlichkeit und Sensationalismus wurden diese oft als der “missing link” interpretiert, das fehlende Glied zwischen Tier und Mensch.(4) Auf die Teratologie folgte als Wissenschaft der körperlichen Abweichung die Medizin. Der abstrahierende, kategorisierende Blick der Medizin auf den abweichenden Körper ist damit eng verwandt mit den Kuriositätenkabinetten und Freak-Shows. Für Mediziner bekommt das ehemals faszinierende Spektakel nun Aufforderungscharakter: Alles zu tun, um die Abweichung zu normalisieren und zum Verschwinden zu bringen. Doch das Monster bleibt und es zeigt sich kulturell in den verschiedensten Tönungen. Da gibt es das Bild vom bösen Krüppel, der verbittert und rachsüchtig ist und alle Nichtbehinderten dafür bestraft, dass er nicht so ist wie sie. Wann immer in Science Fiction Filmen der Retortenmensch auftaucht, weiß man schon – für die guten, gesunden Charaktere wird das gleich böse ins Auge gehen. Der Plot ist ein Klassiker – zu sehen sowohl bei Shakespeares Richard III als auch bei „Nightmare On Elm Street“. Denn der Spruch „in einem gesunden Körper lebt eine gesunder Geist“ gilt für das bürgerliche Bewusstsein vor allem umgekehrt: Ist der Körper ungesund, muss es der Geist auch sein. Daneben gibt es den zwar nicht bösen, aber bemitleidenswerten Krüppel – zum Beispiel die „lahme Klara“ in Johanna Spyris „Heidi“ (oder „Tiny Tim“ in „A Christmas Carol“, zu sehen zum Beispiel in der „Muppets“ Weihnachtsgeschichte). Solche Charaktere sind meistens asexuelle, naive, kindliche Wesen, die ihr Schicksal tapfer erdulden. Wenn es aber ganz dicke kommt, wollen diese Charaktere in der Regel „Erlösung“ durch „Sterbehilfe“ – die beliebte Handlung der Ethik-Dramen, in denen dann kaum mehr nach den Umständen des Leidens gefragt wird, sondern der Sterbewunsch als einzig logischer hingenommen wird (zu sehen beispielsweise in Filmen wie „Million Dollar Baby“ oder in „Das Meer in mir“). Behinderung ist in beiden Fällen eine ungerechte Strafe oder ein grausames Schicksal, gegen das sich die davon Betroffenen aggressiv wehren oder das sie mit engelhafter Geduld und Opferbereitschaft hinnehmen. Das „heitere Dulden“ der Schicksal ergebenen Behinderten ist nur die Vorstufe für die heute gängige Darstellungsweise behinderter Menschen: der Held oder die Heldin. RedakteurInnen von Boulevardmagazinen reiben sich die Hände, wenn sie wieder einen Fall ausgegraben haben, in dem behinderte Menschen Höchstleistungen erbringen – ein beinamputierter Bergsteiger, eine Marathonläuferin nach überstandener Krebserkrankung – oder einfach ein Rollstuhlfahrer im Supermarkt beim Einkaufen. Ob die Leistung tatsächlich „übermenschlich“ ist oder nicht – das Bild der angeblich Unglücklichen, die sich am eigenen Schopf aus dem Elend ziehen, ist ein beliebter moralischer Wink mit dem Zaunpfahl. Diese ganzen Soziale-Hängematten-Hartz-Vier-Bezieher sollen sich daran mal ein Beispiel nehmen. Doch auch an selbst Betroffene richtet sich die Botschaft, das doch ganz schön viel „geht, wenn man es nur richtig will“. Angekommen ist das bei den meisten von ihnen aber ohnehin schon. Sich die Behinderung nicht anmerken zu lassen oder zu verdecken, Nichtbehinderte zu schonen und selbst alles dafür zu tun, akzeptiert zu werden gehört zum Standardrepertoire eines modernen behinderten Bürgers. Extreme Varianten dieses Typus – die rollstuhlfahrende Mutter von drei Kindern, die nebenbei noch einen Betrieb managed und in ihrer Freizeit für die Paralympics trainiert – werden von der amerikanischen Behindertenbewegung deshalb auch „Super-Crips“ – „Super-Krüppel“ oder „Overcomers – Überwindende“ genannt. Möglichkeiten der aggressiven Selbstnormalisierung gibt es viele – und viele behinderte Menschen sind eifrig dabei, der nichtbehinderten Welt ihre Normalität vorzuführen. Models im Rollstuhl beispielsweise (denen man ihre Behinderung nie wirklich ansieht), die in Schönheitswettbewerben wie „Beauties in Motion“ um Anerkennung auf dem Fleischmarkt konkurrieren. Die Ikone der Super-Crips bleibt dabei Ex-Superman-Darsteller Christopher Reeves – heldenhaft hat er sich für eine Heilung von Querschnittlähmung engagiert, statt für bessere Lebensbedingungen behinderter Menschen. Im Stereotyp der behinderten HeldInnen scheint das Monster also weit entfernt zu sein, doch der Eindruck täuscht. Denn dem Heldenstereotyp liegen Abscheu und Angst vorm Monster zu Grunde. Die Entwertung des Monsters verwandelt sich in die Idealisierung des Helden, die für alle Beteiligten scheinbar besser auszuhalten ist. Platz für behinderte Identitäten außerhalb der beiden Pole Monster-Held bleibt in der bürgerlichen Kultur dabei kaum. 3. Konkurrenz, Gleichheitsideal und noch mehr mögliche Gründe Behinderung bedeutet Leiden – diese Gleichung ist in der bürgerlichen Welt bisher absolut unhinterfragte Prämisse aller Urteile über das Thema. Das Behinderung und chronische Krankheit tatsächlich Leid bringen können, einen beschwerlicheren Alltag bedeuten und die sozialen Beziehungen nicht unbedingt vereinfachen, ist sicher wahr. Zu allem, was darüber hinausgeht, gibt es unter Menschen mit Behinderungen hunderte verschiedener Einstellungen. Ähnlich der Parole „Black is beautiful“ erfand die deutschsprachige Behindertenbewegung in den 80ern sogar den Slogan „Behindertsein ist schön“. Viele der AktivistInnen, die heute noch unterwegs sind, stellen immer noch das gängige Leidensstereotyp auf den Kopf, in dem sie Behinderung als eigene Kultur und Lebensform feiern. Die meisten anderen sehen ihr Leben wohl irgendwo dazwischen. Annähernder Konsens ist jedoch: Nicht die körperliche Einschränkung an sich ist das Problem, sondern die sozialen Folgen davon. Wer blind ist, dem fehlt tatsächlich eine Erfahrungsebene, aber das, was das Leben wirklich problematisch macht, sind fehlende taktile Orientierungspunkte oder die Leute, die Blinde ungefragt über die Straße bringen (die sie gar nicht überqueren wollen) und sie danach damit vollquatschen, wie toll doch deren sechster Sinn und deren absolutes Gehör sei. Letzteres ist etwas, was fast alle Menschen mit Behinderungen, vor allem mit sichtbaren Behinderungen, kennen: Die sich als nichtbehindert definierenden Menschen sind ihnen gegenüber unsicher. Es entsteht schnell etwas, das SoziologInnen „Interaktionsspannung“ nennen: Verschämtes Wegschauen, so tun, als sei die Behinderung nicht da, oder im Gegenteil die totale Fokussierung auf die Abweichung, zum Beispiel durch Überhilfsbereitschaft, überschwängliche Freundlichkeit, Aufgeregtheit, Betonen, dass man nichts falsch machen möchte usw. Für manche Leute scheinen behinderte Menschen darüber hinaus genau wie Kinder nicht dieselbe Privatsphäre zu beanspruchen wie nichtbehinderte: Man darf auch wildfremde Rollstuhlfahrer nach ihrer Behinderung fragen, greift dem Krückenbenutzer ungefragt nach der Tasche, um sie ihm zu tragen. Kleinwüchsigen wird gerne mal der Kopf getätschelt, Blinde ohne Vorwarnung an die Hand genommen. Das alles ist erstmal Ausdruck einer Verunsicherung – viele Leute haben zu wenig Kontakt mit „den Behinderten“ und deshalb keine Verhaltensrezepte für den Umgang mit ihnen parat. Ein Grund ist sicher ihre weitgehende Aussonderung aus dem öffentlichen Leben. In einer Gesellschaft, deren Hauptzweck die Verwertung des Werts ist, können behinderte und chronisch kranke Menschen nur stören. Die Ideologie ist: Sie selbst können nur eingeschränkt Mehrwert schaffen, und verursachen umgekehrt der Nation Kosten. Die Nazis haben behinderte und kranke Menschen deshalb zur Geißel des deutschen Volks erklärt und ein Tötungsprogramm entworfen, das sie in großen Teilen verwirklicht haben. Der bürgerliche Staat der Nachkriegszeit hat sich (ob freiwillig oder unter dem Druck der Alliierten sei hier mal dahingestellt) dafür entschieden, weniger brutal vorzugehen, stattdessen aber die Versorgung von Behinderten und Kranken zu effektivieren. Ein geschlossenes System von Heimen, Behindertenwerkstätten, Sonderschulen und Sonderfahrdiensten war die Folge. Erst seit etwa zwei Jahrzehnten wird dieses System wieder abgebaut. Neben der allgemeinen Verunsicherung zeigt die oft irrationale Aufgeregtheit beim Thema Behinderung aber auch, dass das Phänomen eine problematische, Angst auslösende Qualität zu besitzen scheint. Wenn die bürgerliche Welt mit einem behinderten Menschen konfrontiert wird, sieht sie zunächst all das, was sie nicht sein will – geradezu den Gegenentwurf ihrer Idealexistenz. Behinderte Menschen scheinen vieles von dem zu negieren, was ein Bürger besitzen soll: Selbstständigkeit, Unabhängigkeit, Selbstkontrolliertheit, Vertragsfähigkeit. Je nach Behinderungsform scheinen die einen mehr, die anderen weniger dem zu entsprechen, was mensch als Grundausstattung in der bürgerlichen Welt mitbringen muss. Ein Bürger will ein autonomes Individuum sein, und als solches muss er seine Körperfunktionen selbst regulieren können, muss er für sich selbst sorgen können. Er muss sprechen und hören können, intellektuell mit den Anforderungen der bürgerlichen Welt zurecht kommen, um Verträge mit Arbeitgebern oder beim Einkaufen Verträge mit Warenbesitzern schließen zu können. Er muss als halbwegs „attraktiv“ gelten und „gepflegt“ sein, um in der Konkurrenz um Liebe, Ehe und Arbeitsplatz gewinnen zu können. Sabbern, undeutlich zu sprechen, nicht alleine aufs Klo können – eine Horrorvorstellung, ganz besonders für diejenigen, die sich die Maßstäbe der Konkurrenz voll zu Eigen gemacht haben. Dabei ist die Angst, die zumindest in offensichtlich hilfsbedürftigen behinderten Menschen ihre Gestalt findet, eine zunächst außerbürgerliche: sie erinnern an die totale Abhängigkeit, in der jeder als Kleinkind seinen Eltern gegenüber gesteckt hat. Und erwachsen zu werden war eine mühevolle Arbeit, deren Resultat ständig aufrechterhalten werden muss – Neid auf all diejenigen die diese Arbeit scheinbar nicht leisten mussten, kann die Folge sein. Außerdem erinnern behinderte und kranke Menschen an die Tatsache, dass jeden Menschen physischer Verfall und Tod ereilen werden. Es ist kein Zufall, dass in jeder Debatte über Sterbehilfe die größte Angst weder der Tod noch die Symptome einer möglicher unheilbaren Krankheit selbst sind, sondern die Vorstellung, gepflegt werden zu müssen, „an Schläuchen zu hängen“ und seinen Angehörigen zur Last zu fallen. In der bürgerlichen Gesellschaft wird die Vorstellung von Abhängigkeit und Verfall besonders brisant. Hier stehen sich die Individuen in jeder Sphäre als KonkurrentInnen gegenüber: als KonkurrentInnen um Lohnarbeit, Eigentum, Bildungschancen, Ansehen, Liebe, Sex, Freunde usw. Ein beeinträchtiger Körper ist von vornherein ein Nachteil in dieser Konkurrenz. Diskriminierende Praktiken, die man als „ableism“ bezeichnen könnte, sind damit auch Ausdruck einer Angstabwehr gegenüber der Verunmöglichung des Mitmachens in der Konkurrenz. Dabei ist es eine Illusion, dass in der sich als nichtbehindert verstehenden Welt wirklich „Gleiche mit Gleichen“ konkurrieren. Die Vorstellung vom „freien und gleichen“ Individuum ist zunächst einmal ein abstraktes bürgerliches Ideal. Die Subjekte stehen sich zu den gleichen Bedingungen als KonkurrentInnen gegenüber, doch die Tatsache, dass die Leute unterschiedliche Körperausstattungen, materiellen Background, Geschlechter usw. mitbringen, hat als notwendiges Resultat Ungleichheit. Nicht jede Grundschülerin macht später das Abi – und dass das nicht an ihr selbst liegen muss, sondern eher etwas mit Schulauslese und Klassenhintergründen zu tun hat, haben sogar die Macher der Pisa-Studie verstanden. Mit dem Ideal des „freien und gleichen Individuums“ ist aber gleichzeitig der Anspruch der bürgerlichen Welt an seine Subjekte verbunden, sich dem Ideal zu unterwerfen. Die Unterwerfung ist dabei eine abstrakt freiwillige: Das Mitmachen steht einem frei bei Androhung des Entzugs der Lebensgrundlagen, sollte man sich gegen das Mitmachen entscheiden. Soll heißen: Abstrakt wird niemand gezwungen, in der Konkurrenz mitzumachen, konkret aber muss eine, die Hunger hat, Geld haben, um sich was zu essen zu kaufen. Dieses Geld sollte sie sich besser durch legale Praktiken wie Lohnarbeit, Lottogewinn oder Erbschaft verdient haben, sonst droht schlimmstenfalls der Knast. Dennoch funktioniert die Ideologie der gleiche Chance: Es kann ja jeder alles erreichen, wenn er sich nur anstrengt, und die, die es geschafft haben, haben es sich redlich verdient – das gehört zum Standardgrundschulrepertoire und in jeden aufrüttelnden Zeitungskommentar. Und umgekehrt fühlen sich die meisten Leute als „VersagerInnen“, die sich in der Konkurrenz nicht durchgesetzt haben. Gerade bei körperlich beeinträchtigen Menschen aber werden die Regeln der Konkurrenz scheinbar außer Kraft gesetzt: die „können ja nichts dafür“, wenn sie es in der Konkurrenz nicht schaffen. Daher leitet sich die Unsicherheit gegenüber behinderten Menschen auch aus diesem zutiefst bürgerlichem Bewusstsein ab: Jeder kriegt was er verdient. Doch: „verdient der arme bemitleidenswerte Behinderte denn das“, so ein „schlimmes Schicksal“? „Verdiene ich es, nichtbehindert zu sein?“ Keine von beiden Seiten hat etwas dafür oder dagegen getan, so ist das ist nun einmal beim „Schicksal“. Dieses Bild des behinderten oder chronisch kranken Menschen kollidiert also mit dem Wunsch nach bruchloser Einordnung in die bürgerliche Welt: Offensichtlich kriegt doch nicht jeder genau das was er verdient. Und die unverschuldet miese Konkurrenzposition des Gegenübers kann Schuldgefühle auslösen, einen Gerechtigkeitswunsch, den Schaden moralisch auszugleichen. So kann die aufgeregte, ungefragte Hilfsleistung ein Vehikel sein, um aus dem Dilemma von Angst und moralisch geforderter Hilfsbereitschaft herauszukommen. Dass die beeinträchtigte Konkurrentin dabei vielleicht doch einen schlechten Charakter haben kann, oder es doch irgendwelche anderen (versteckten) Gründe für ihre schlechte Lage geben könnte, taucht als Spekulation natürlich auch auf – oft werden behinderte BürgerInnen alles andere als bevorzugt behandelt. Ihr teilweiser Ausschluss von der Konkurrenz kann Neid erzeugen – Frustration darüber, dass man selbst sich die ganze Zeit bewähren muss, während „die Behinderten alles nachgetragen bekommen“ oder ihnen die Bewährungsproben gar nicht erst gestellt werden. Behinderte Menschen scheinen die „Dreistigkeit“ zu besitzen, sich der Konkurrenz zu entziehen, - und das fällt vor allem bei jenen negativ auf, die nicht „dankbar, lieb, ein bisschen doof und leicht zu verwalten“ sind (so eine Karikatur des „Musterkrüppelchens“ auf einem Krüppelgruppenplakat). 4. Raus aus der Konkurrenz -- und wieder rein. Die Antwort der Behindertenbewegung So wie der behinderte Mensch die Antithese zum Bürger darzustellen scheint, so verkörperte das „Musterkrüppelchen“ all das, was die Mitglieder der in den 80er Jahren entstehenden Behindertenbewegung nicht sein wollten – eben „dankbar, lieb, ein bisschen doof und leicht zu verwalten“. Statt die Konkurrenzbedingungen zu kritisieren ist die Mehrheit der Behindertenbewegung jedoch auf sie eingestiegen – und fordert ein Ticket zum gleichberechtigten Mitmachen. Dabei stellten viele anfangs noch die sie ausgrenzende Gesellschaft grundsätzlich in Frage. Auf der Bugwelle der ausklingenden 68er Bewegung gründeten sich in den 70er Jahren in Deutschland zunächst die „Clubs Behinderter und ihrer Freunde“, aus denen dann Anfang der 80er die radikaleren „Krüppelgruppen“ hervorgingen. Zuerst ging es den meisten um den Kampf gegen ihre Aussonderung aus dem alltäglichen Leben. Sie demonstrierten gegen unzugängliche Gebäude, ketteten sich schon mal an Straßenbahnen an, in die sie nicht einsteigen konnten. Genauso wichtig war ihnen aber auch eine gesellschaftliche Bewusstseinsveränderung: Das passive Objekt von Fürsorge und Mitleid wollten sie nicht mehr sein. Lautstark haben sie das zu ihren radikalsten Zeiten gleich zu Beginn der Bewegung 1981 demonstriert. 1981 wurde das „UNO-Jahr der Behinderten“ ausgerufen – was damals gleichbedeutend damit war, Wohltätigkeitsveranstaltungen für die „armen Behinderten“ auszurichten und noch mehr Heime und Behindertenwerkstätten zu bauen. Schon die Eröffnung der deutschen Veranstaltungen zum UNO-Jahr in Dortmund wurde von Krüppelgruppen gestört. Sie besetzten das Podium und verhinderten die Eröffnungsrede des damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens. Die Aktion sorgte für Unverständnis (...man wollte den armen Menschen doch nur was Gutes tun – wieso waren sie auf einmal so böse? Lag es an ihrer Behinderung?) Noch mehr Fragen warf eine zweite Aktion des damaligen Hauptaktivisten Franz Christoph auf, der sich im Juni 1981 bei der Eröffnung der REHA-Messe in Düsseldorf auf Karl Carstens stürzte, und ihm „leichte Schläge“ mit seiner Krücke versetzte. Gegen den zuweilen entmenschlichenden, entmachtenden Umgang mit ihnen setzten die Gruppen ein neues Selbstverständnis, das sich in der Selbstbezeichnung „Krüppel“ (5) manifestierte. Die Aneignung des Stigmas und seine Verwandlung in eine selbstbewusste Identität, das hatten schon die Bewegung der Schwarzen in den USA („nigger“), die Schwulenbewegung (gay, schwul) und die Frauenbewegung („Weiber, Hexen“) vorgemacht. Sich positiv auf etwas so „Grausames“ wie eine Behinderung zu beziehen, das war und ist auch immer noch radikal. „Behindertsein ist schön“ ist eine (selbst in der Bewegung umstrittene) Parole, die auch heute noch für das bürgerliche Bewusstsein ein Rätsel und zugleich ein Schlag ins Gesicht ist. Gemeint ist damit, Behinderung als eigene Kultur, Lebensform, Kunst zu sehen – ihre Folgen vielleicht damit auch herunterzuspielen, aber in jedem Fall die Körpernormenstandards der bürgerlichen Welt abzulehnen, für die andere hart an sich arbeiten und sich disziplinieren. Die Kehrseite dieser Haltung ist – wie bei jeder Form von Identitätspolitik zu finden – der positive Bezug auf genau jene sortierenden Kategorien, die die Ausgrenzung überhaupt erst ermöglichen. Die Übernahme der Diffamierung „Krüppel“ in eine positive Identität ist eine Essentialisierung, die gleichwohl ein nützlicher Schritt in der Emanzipation gewesen zu sein scheint. Trotz ihres radikalen Kerns hatte die Behindertenbewegung von Anfang an einen affirmativen Zug, den sie mittlerweile voll auslebt. Gleich bei der frühen Aktion von Franz Christoph und seinen „Krüppelschlägen“ zeigte sich der Wunsch nach Anerkennung als Rechtssubjekt. So spektakulär Franz Christophs Angriff war, auch wenn er für Schlagzeilen in der BILD sorgte, er selbst bekam „lediglich“ Hausverbot. Festgenommen wurde er nicht, und genau das hat ihn am meisten aufgeregt: Wieso wandert Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld in den Knast, wenn sie Kurt-Georg Kiesinger, Ex-Kanzler und Ex-NSDAP-Mitglied öffentlich ohrfeigt, während Franz Christoph nach seiner Attacke frei herumlaufen darf? Christoph forderte für sich das Menschenrecht auf Bestrafung und Festnahme ein. Erst das bedeutete für ihn Ernstnahme als gleichberechtigter Bürger. Stattdessen wurde in Düsseldorf beruhigend auf ihn eingeredet. Der Ärger über Nichternstnahme von Protest ist verständlich und berechtigt. Aber er zeigt auch das Ziel der Behindertenbewegung: Konkurrenzteilnahme mit allen Licht- und Schattenseiten. Dieses Ziel hat die Bewegung konsequent und erfolgreich verfolgt. Nach und nach wurden Barrieren abgebaut, integrative Schulen entstanden, mittlerweile gibt es eine Reihe von Gesetzen, die die Gleichberechtigung behinderter BürgerInnen sicherstellen sollen. Einer der lautesten Podiumsbesetzer von 1981 hat im Jahr 2003 selbst das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderung in Deutschland organisiert. Dessen Vorzeichen waren gänzlich andere als 1981, aber die Ironie der Geschichte bleibt. Und ganz können sich die AktivistInnen von heute nicht dem HeldInnen-Stereotyp entziehen, das immer noch das Lieblingsbild der nichtbehinderten Welt zu sein schein. So hat man sie gerne: Aktiv, für ihre Rechte eintretend, sich selbst aus dem Elend befreiend. Und so werden Job-Initiativen, in denen das Arbeitsministerium betont, wie motiviert doch Behinderte im Arbeitsleben sind (weil es – hinter vorgehaltener Hand – wahrscheinlich ihre einzige Chance ist) auch von Seiten der Behindertenbewegung unterstützt. So gibt es seit Kurzem das Persönliche Budget – eine von der Behindertenbewegung geforderte und unterstützte neue Form der Geldervergabe an behinderte Menschen, in der sie als eine Art Unternehmer ihrer selbst die Ausgaben für ihre Assistenten (/Hilfskräfte) selbstständig verwalten sollen. Vom Almosenempfänger zum mündigen Bürger mit Rechten und Pflichten – genau diese Selbstbestimmung und Selbstbeherrschung hat die Behindertenbewegung gefordert, und nun genau die Freiheiten und Zwänge bekommen, die das Bürger-Sein ausmachen. Damit schafft sie tatsächlich auch ein neues kulturelles Bild vom behinderten Menschen, zumindest von dem, der eben nicht „an Schläuchen hängt“. Alle anderen – die Heimbewohner, die Menschen mit Lernschwierigkeiten, bleiben Horrorfiguren für die bürgerliche Welt. Und in der oft schon fast hysterisch betriebenen Pränataldiagnostik, in Debatten um Gentests und das Klonen scheint wieder das alte Monster auf, das die Behindertenbewegung doch glaubte abgeschüttelt zu haben. Fußnoten: 1 Deutsches Sozialgesetzbuch, IX, Teil 1, Kapitel 1, §2 (1). 2 Nagi, S.F. (1984) “The Concept and Measurement of Disability” in E.D. Berkowitz (ed), “Disability Politics and Government Programs”, New York: Praeger, S.1-25. 3 Linton, Simi (1998) „Claiming Disability. Knowledge and Identity.“, New York: New York University Press, S. 9.1 4 Die Faszination an diesen Menschen führt die feministische Theoretikerin Elizabeth Grosz vor allem auf eben deren Fähigkeit zur Grenzüberschreitung zurück: „Der Freak ist ein Objekt von gleichzeitigem Horror und Faszination weil er, zusätzlich zu jeglicher Körperabweichung, die er zeigt, ein zweideutiges Wesen ist, dessen Existenz Kategorien und Oppositionen im bekannten sozialen Leben in Frage stellt. Freaks sind Menschen, die außerhalb und im Konflikt mit der Struktur der binären Opposition existieren, die unsere grundlegenden Konzepte und Arten der Selbstdefinition bestimmen. Sie besetzen den unmöglichen Zwischenraum zwischen Gegensätzen, die das Tier vom Menschen teilt, einen Menschen vom anderen (z.B. im Falle von Siamesischen Zwillingen), Natur von Kultur,…, ein Geschlecht vom anderen (im Falle von Hermaphroditen)…, Erwachsene von Kindern (z.B. im Falle von “Zwergen”/Kleinwüchsigen)…“. (Grosz, Elizabeth (1996) Intolerable Ambiguity: Freaks as/at the Limit”, in Garland Thomson, R. “Freakery” (1996), S. 57). 5 Zum Begriff „Krüppel“: "Immer wieder werden wir danach gefragt, warum wir uns als Krüppel bezeichnen (...) Der Begriff Behinderung verschleiert für uns die wahren gesellschaftlichen Zustände, während der Name Krüppel die Distanz zwischen uns und den sogenannten Nichtbehinderten klarer aufzeigt. Durch die Aussonderung in Heime, Sonderschulen oder Rehabilitationszentren werden wir möglichst unmündig und isoliert gehalten. Andererseits zerstört die Überbehütung im Elternhaus jede Möglichkeit unserer Selbstentfaltung. Daraus geht hervor, daß wir nicht nur behindert (wie z.B. durch Bordsteinkanten), sondern systematisch zerstört werden. Ehrlicher erscheint uns daher der Begriff Krüppel, hinter dem die Nichtbehinderten sich mit ihrer Scheinintegration ("Behinderte sind ja auch Menschen") nicht so gut verstecken können. " (Krüppelzeitung 1/82,2).